Wenn aus Meinungen Feindbilder werden
Warum wir wieder lernen müssen, einander zuzuhören
Über die Psychologie der Spaltung, unsere Angst vor Widersprüchen und die vielleicht wichtigste Voraussetzung für Frieden: die Fähigkeit, den anderen verstehen zu wollen.
Manchmal frage ich mich, wann wir eigentlich verlernt haben, miteinander zu sprechen.
Nicht zu diskutieren, um zu gewinnen. Nicht zu argumentieren, um den anderen von der eigenen Wahrheit zu überzeugen. Sondern wirklich miteinander zu sprechen. Einander zuzuhören. Nachzufragen. Zu versuchen, die Gedanken eines anderen Menschen nachzuvollziehen, gerade dann, wenn sie uns fremd erscheinen.
In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder Veranstaltungen zu gesellschaftlich kontroversen Themen erlebt und selbst organisiert. Zur Corona-Politik, zu Fragen von Krieg und Frieden, zum Verhältnis zwischen Russland und dem Westen.
Was mich dabei zunehmend beschäftigt, sind nicht einmal die unterschiedlichen politischen Positionen. Unterschiedliche Positionen gehören zu einer lebendigen Demokratie.
Was mich beschäftigt, ist die Art, wie wir mit diesen Unterschieden umgehen.
Wie schnell aus einem Gesprächspartner ein Gegner wird. Wie selbstverständlich wir Menschen einem politischen Lager zuordnen. Und wie schwer es uns offenbar manchmal fällt, anzuerkennen, dass auch jemand, dessen Meinung wir entschieden ablehnen, gute Gründe für seine Überzeugung haben könnte.
Warum ist das so?
Vielleicht müssen wir uns dafür mit etwas beschäftigen, das weit über Politik hinausgeht: mit der menschlichen Psyche.
Wenn aus unterschiedlichen Meinungen unüberwindbare Fronten werden
Wie tief diese Spaltung reichen kann, habe ich im Frühjahr 2023 bei meinem ersten Symposium erlebt.
Vor unserem Veranstaltungsort in Schönwalde-Glien hatten sich Aktivisten zu einer Gegendemonstration versammelt. Die Stimmung zwischen einigen Demonstrierenden und Besuchern unserer Veranstaltung war derart aufgeheizt, dass die Situation beinahe eskalierte. Schließlich musste die Polizei eingreifen, um die beiden Seiten voneinander zu trennen.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr mich diese Situation beunruhigt hat.
Da standen sich Menschen gegenüber, die offenbar kaum noch bereit waren, einander zuzuhören. Menschen, die sich gegenseitig nicht mehr als Gesprächspartner wahrnahmen, sondern als politische Gegner. Schon die Tatsache, dass jemand eine andere Position vertrat oder sich überhaupt mit anderen Perspektiven beschäftigen wollte, schien auszureichen, um heftige Ablehnung hervorzurufen.
In den folgenden Jahren begegnete mir diese Haltung immer wieder. Nicht mehr in Form einer unmittelbar drohenden körperlichen Auseinandersetzung, wohl aber durch verbale Angriffe, persönliche Abwertungen und den Versuch, Menschen aufgrund ihrer Überzeugungen öffentlich zu diskreditieren.
Das hat mich besonders beschäftigt, weil meine ursprüngliche Absicht eine ganz andere war.
Ich wollte mit meinen Veranstaltungen Räume schaffen, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen, Fragen stellen, sich informieren und unterschiedliche Perspektiven kennenlernen können. Orte der Begegnung und der Aufklärung – nicht der Konfrontation.
Stattdessen musste ich erleben, wie schwer es offenbar geworden ist, andere Meinungen überhaupt auszuhalten.
Dabei gehört auch das Recht, öffentlich zu protestieren und Kritik zu äußern, selbstverständlich zu einer demokratischen Gesellschaft. Problematisch wird es dort, wo aus Protest Einschüchterung wird, wo persönliche Herabwürdigung das sachliche Argument ersetzt und wo Menschen einander nicht mehr zuhören, sondern nur noch bekämpfen wollen.
Und bis heute lässt mich eine Frage nicht los:
Was geschieht in uns Menschen, wenn wir die Überzeugungen eines anderen nicht mehr als Einladung zum Nachdenken, sondern als Bedrohung empfinden?
Vielleicht liegt genau hier ein Schlüssel zum Verständnis unserer gesellschaftlichen Polarisierung.
Warum unser Gehirn klare Antworten liebt
Der Mensch hat ein grundlegendes Bedürfnis nach Orientierung, Sicherheit und Zugehörigkeit.
Wir möchten verstehen, was um uns herum geschieht. Wir möchten wissen, wem wir vertrauen können. Und wir möchten uns darauf verlassen können, dass unsere Überzeugungen, unsere Werte und unser Bild von der Welt einigermaßen stimmig sind.
Doch unsere Welt ist selten eindeutig.
Menschen können liebevoll und verletzend sein. Politische Entscheidungen können notwendig erscheinen und gleichzeitig erhebliche Schäden verursachen. Zwei Menschen können dasselbe Ereignis betrachten und zu völlig unterschiedlichen Bewertungen kommen.
Solche Widersprüche auszuhalten, ist eine anspruchsvolle psychische Leistung.
Die Psychoanalytikerin Melanie Klein beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie Menschen lernen, widersprüchliche Erfahrungen miteinander zu verbinden.
Sie beschrieb einen frühen psychischen Mechanismus, den sie als Spaltung bezeichnete.
Vereinfacht gesagt: Was gut ist, wird als gut erlebt. Was schlecht ist, als schlecht. Beides bleibt zunächst voneinander getrennt.
Erst mit zunehmender psychischer Entwicklung entsteht die Fähigkeit, beides in ein gemeinsames Bild zu integrieren.
Wir lernen, dass ein geliebter Mensch uns enttäuschen kann, ohne deshalb ein schlechter Mensch zu sein.
Dass wir jemanden kritisieren können, ohne ihn grundsätzlich abzulehnen.
Dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse, Erfahrungen und Interessen haben und dennoch miteinander verbunden bleiben können.
Diese Fähigkeit hängt eng mit dem zusammen, was wir Ambivalenztoleranz nennen.
Und ich frage mich, ob uns genau diese Fähigkeit in unseren gesellschaftlichen Debatten zunehmend abhandenkommt.
Dabei ist Spaltung als psychoanalytischer Abwehrmechanismus nicht einfach mit jeder Form von Schwarz-Weiß-Denken gleichzusetzen. Auch Menschen mit einer grundsätzlich stabilen Persönlichkeit können unter Angst, Stress oder starkem Gruppendruck dazu neigen, die Welt vorübergehend in eindeutige Kategorien einzuteilen.
Vielleicht ist deshalb weniger die Frage entscheidend, ob wir Menschen in gute und schlechte einteilen.
Sondern vielmehr, warum wir manchmal so dringend darauf angewiesen zu sein scheinen.
Wenn die eigene Überzeugung zum Teil unserer Identität wird
2022 veröffentlichten die Wissenschaftler John T. Jost, Delia S. Baldassarri und James N. Druckman in der Fachzeitschrift Nature Reviews Psychology eine Übersichtsarbeit über psychologische Mechanismen politischer Polarisierung.
Ihre Überlegungen sind bemerkenswert.
Denn sie verdeutlichen, dass unsere politischen Einstellungen keineswegs ausschließlich das Ergebnis einer rationalen Abwägung von Informationen sind.
Unsere Überzeugungen erfüllen auch psychologische Funktionen.
Sie helfen uns, unser Selbstbild aufrechtzuerhalten. Sie verbinden uns mit Menschen, denen wir uns zugehörig fühlen. Und sie können uns das Gefühl vermitteln, auf der richtigen Seite zu stehen.
In der Forschung werden unter anderem Motive untersucht, die unser Selbstbild schützen, unsere Gruppenzugehörigkeit verteidigen oder bestehende gesellschaftliche Verhältnisse rechtfertigen.
Was passiert nun, wenn wir mit Informationen konfrontiert werden, die unseren Überzeugungen widersprechen?
Dann kann weit mehr infrage stehen als eine einzelne Meinung.
Vielleicht geraten plötzlich unser Selbstverständnis, unsere Zugehörigkeit und unsere bisherigen Entscheidungen ins Wanken.
Wir müssten uns möglicherweise eingestehen:
Habe ich etwas falsch eingeschätzt?
Habe ich anderen Menschen Unrecht getan?
Kann es sein, dass jemand, dessen Ansichten ich ablehne, in bestimmten Punkten recht hat?
Das sind unbequeme Fragen.
Und manchmal ist es psychisch leichter, eine widersprechende Information abzuwerten, als das eigene Weltbild zu hinterfragen.
Das bedeutet nicht, dass Menschen grundsätzlich nicht bereit wären, ihre Überzeugungen zu verändern. Aber es erklärt, warum ein sachliches Argument allein oft nicht ausreicht, um eine festgefahrene Debatte wieder in Bewegung zu bringen.
Denn wenn eine Meinung zum Bestandteil unserer Identität geworden ist, kann Widerspruch sich plötzlich wie ein persönlicher Angriff anfühlen.
Wenn aus politischen Gegnern schlechte Menschen werden
Besonders problematisch wird es, wenn politische Überzeugungen mit moralischen Bewertungen von Menschen verschmelzen.
Dann diskutieren wir nicht mehr darüber, ob eine bestimmte Entscheidung richtig oder falsch war.
Dann geht es plötzlich darum, wer zu den Guten und wer zu den Bösen gehört.
Wir haben das während der Corona-Jahre erlebt.
Menschen, die Maßnahmen kritisch hinterfragten, wurden teilweise pauschal abgewertet. Umgekehrt wurden Menschen, die Maßnahmen befürworteten, ebenfalls mitunter als unmündig oder moralisch fragwürdig dargestellt.
Dabei hätten wir viel früher und viel intensiver miteinander über Verhältnismäßigkeit, wissenschaftliche Unsicherheiten, gesellschaftliche Folgen und individuelle Freiheitsrechte sprechen müssen.
Das bedeutet nicht, dass jede Behauptung gleich gut begründet gewesen wäre.
Es bedeutet, dass ein respektvoller Umgang mit Menschen auch dann notwendig bleibt, wenn wir ihre Argumente für falsch halten.
Ähnliche Mechanismen lassen sich in den Debatten zum Ukrainekrieg beobachten.
Wer die historische Vorgeschichte des Konflikts thematisiert, möchte damit nicht zwangsläufig den russischen Angriff rechtfertigen.
Wer auf die Verantwortung Russlands für den völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine hinweist, lehnt damit nicht zwangsläufig Verhandlungen ab.
Wer einen möglichst schnellen Waffenstillstand fordert, muss deshalb nicht die Sicherheitsbedürfnisse der Ukraine ignorieren.
Und wer auf glaubwürdige Sicherheitsgarantien für die Ukraine besteht, muss deshalb nicht grundsätzlich gegen diplomatische Lösungen sein.
Diese Unterscheidungen sind wesentlich.
Denn nur wenn wir zwischen dem Verstehen von Motiven, der Bewertung von Handlungen und der Suche nach Lösungen unterscheiden, kommen wir aus der Logik gegenseitiger Schuldzuweisungen heraus.
Verstehen bedeutet nicht rechtfertigen. Und Verhandeln bedeutet nicht zustimmen.
Was Angst mit unserer Gesprächsfähigkeit macht
Unter starkem emotionalem Druck kann unser Denken enger werden.
Wir achten stärker darauf, wer auf unserer Seite steht und wer möglicherweise gegen uns ist.
Komplexität wird anstrengend. Eindeutigkeit erscheint entlastend.
Der Psychoanalytiker Wilfred Bion beschäftigte sich mit solchen Dynamiken innerhalb von Gruppen.
Er beschrieb, wie Gruppen unter Belastung in Verhaltensmuster geraten können, die sich um Kampf und Flucht organisieren.
Dann wird die Suche nach einem gemeinsamen Verständnis durch die Abwehr einer vermeintlichen Bedrohung verdrängt.
Das Gegenüber wird zum Gegner.
Interessanterweise muss dieser Prozess nicht bewusst ablaufen.
Ein Mensch kann zutiefst davon überzeugt sein, ausschließlich sachlich und moralisch richtig zu handeln, während seine Reaktionen gleichzeitig durch Angst, Kränkung oder das Bedürfnis nach Zugehörigkeit beeinflusst werden.
Und vermutlich sind wir alle davor weniger geschützt, als wir gerne glauben möchten.
Denn diese psychischen Mechanismen gehören zum Menschsein.
Nicht nur zum Denken der jeweils anderen.
Frieden beginnt mit der Fähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten
Wenn wir heute über Krieg und Frieden sprechen, denke ich häufig an die politischen Persönlichkeiten der Entspannungspolitik.
An Willy Brandt, Egon Bahr, Helmut Schmidt oder Hans-Dietrich Genscher.
Sie standen keineswegs außerhalb politischer Konflikte. Sie hatten klare Überzeugungen, vertraten Interessen und trafen Entscheidungen, über die sich streiten lässt.
Aber insbesondere die Entspannungspolitik beruhte auf einer entscheidenden Einsicht:
Mit Menschen und Staaten, deren Weltanschauungen oder Interessen wir nicht teilen, müssen wir trotzdem Wege der Verständigung finden.
Nicht erst dann, wenn sie ihre Positionen vollständig aufgegeben haben.
Sondern gerade deshalb, weil es diese Unterschiede gibt.
„Wandel durch Annäherung“ war nicht einfach eine freundliche Geste.
Es war die Anerkennung einer politischen Realität: Dauerhafte Veränderungen können auch durch Gespräche, Verhandlungen und gegenseitige Interessen entstehen.
Dafür braucht es keine Naivität.
Es braucht die Fähigkeit, die Perspektive des anderen zu verstehen, ohne die eigene aufzugeben.
In der Psychologie gibt es dafür einen weiteren interessanten Begriff: Mentalisierung.
Mentalisierung bezeichnet unsere Fähigkeit, eigene und fremde Gedanken, Gefühle, Absichten und Bedürfnisse als innere psychische Vorgänge wahrzunehmen.
Sie ermöglicht es uns, zu sagen:
„Ich sehe die Welt anders als du. Aber ich möchte verstehen, weshalb du zu deiner Überzeugung gekommen bist.“
Das klingt selbstverständlich.
Doch in einer emotional aufgeladenen Debatte kann genau das außerordentlich schwerfallen.
Wir müssen nicht einer Meinung sein, um Frieden zu ermöglichen
Gerade angesichts der aktuellen Entwicklungen im Ukrainekrieg sollten wir uns fragen, ob unsere öffentlichen Debatten ausreichend Raum für unterschiedliche Perspektiven bieten.
Die Gespräche über Waffenstillstände, Sicherheitsgarantien, militärische Entwicklungen und mögliche politische Lösungen betreffen nicht nur geopolitische Interessen.
Sie betreffen Menschenleben.
Jeden einzelnen Tag.
Die Ausgangspositionen der Konfliktparteien unterscheiden sich erheblich. Ihre Verantwortlichkeiten sind nicht identisch, und die Voraussetzungen für einen tragfähigen Frieden sind schwierig.
Gerade deshalb dürfen wir uns nicht mit einfachen Erklärungen zufriedengeben.
Wir müssen fragen dürfen, welche historischen Entwicklungen zu diesem Krieg beigetragen haben.
Wir müssen fragen, welche Sicherheitsvorstellungen, Interessen und Befürchtungen auf beiden Seiten existieren.
Wir müssen fragen, welche Angebote bereits gemacht wurden, weshalb Verhandlungen gescheitert sind und welche Möglichkeiten noch offenstehen.
Dabei muss die grundlegende Tatsache bestehen bleiben, dass Russland die Ukraine angegriffen hat und die Ukraine ein Recht auf Selbstverteidigung besitzt.
Aber diese Feststellung beantwortet allein noch nicht, auf welchem Weg sich das Töten beenden und ein tragfähiger Frieden erreichen lässt.
Wer Frieden will, muss sich auch mit den Gedanken und Interessen derjenigen auseinandersetzen, mit denen Frieden geschlossen werden soll.
Das ist keine moralische Gleichsetzung.
Es ist eine Voraussetzung realistischer Diplomatie.
Und es ist vielleicht auch eine Fähigkeit, die wir im gesellschaftlichen Miteinander wieder stärker entwickeln müssen.
Fünf Fragen, die unsere Gespräche verändern könnten
Vielleicht beginnt der Weg aus unserer gesellschaftlichen Polarisierung nicht mit einer weiteren großen politischen Rede.
Vielleicht beginnt er damit, dass wir unsere Art zu fragen verändern.
Statt sofort zu erklären, warum der andere falschliegt, könnten wir versuchen, etwas über seine innere Perspektive zu erfahren.
Was hat dich zu deiner Überzeugung geführt?
Welche Erfahrungen, Informationen oder Erlebnisse waren dafür entscheidend?
Welche Sorge steht hinter deiner Position?
Was befürchtest du, wenn sich die andere Sichtweise durchsetzt?
Gibt es etwas, das dich nachdenklich macht?
Einen Widerspruch, eine offene Frage oder ein Argument, für das du noch keine zufriedenstellende Antwort gefunden hast?
Was müsste geschehen, damit du deine Meinung noch einmal überdenken würdest?
Und schließlich:
Wo könnten wir trotz unserer unterschiedlichen Überzeugungen ein gemeinsames Anliegen finden?
Vielleicht in dem Wunsch nach Sicherheit.
Nach Freiheit.
Nach Würde.
Oder ganz einfach nach einem Leben ohne Krieg.
Solche Fragen verlangen etwas von uns.
Sie verlangen, dass wir Unsicherheit zulassen.
Dass wir aushalten, vielleicht nicht auf alles eine Antwort zu haben.
Und dass wir bereit sind, dem anderen eine Offenheit entgegenzubringen, die wir uns selbst ebenfalls wünschen.
Die Fähigkeit zum Frieden ist auch eine psychische Entwicklungsaufgabe
Wir sprechen viel über Friedenspolitik, internationale Beziehungen und diplomatische Strategien.
Aber vielleicht sprechen wir zu wenig darüber, welche inneren Voraussetzungen Menschen mitbringen müssen, um überhaupt friedensfähig zu sein.
Die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten.
Die Bereitschaft, eigene Irrtümer einzugestehen.
Das Vermögen, zwischen einem Menschen und seinen Handlungen zu unterscheiden.
Die Fähigkeit, sich selbst nicht immer im Besitz der vollständigen Wahrheit zu sehen.
Und den Mut, auch dort nach Verständigung zu suchen, wo die Unterschiede zunächst unüberwindbar erscheinen.
All das sind keine Zeichen von Schwäche.
Im Gegenteil.
Es verlangt häufig mehr innere Stabilität, einen Widerspruch stehen zu lassen, als ihn sofort abzuwehren.
Mehr Selbstsicherheit, einen Fehler einzugestehen, als ihn zu verteidigen.
Und mehr Mut, mit einem Gegner zu sprechen, als ausschließlich in der eigenen Gruppe Zustimmung zu suchen.
Vielleicht ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit deshalb nicht, noch mehr Menschen von unserer eigenen Überzeugung zu überzeugen.
Sondern wieder Räume zu schaffen, in denen Menschen unterschiedlich denken dürfen, ohne einander die Menschlichkeit abzusprechen.
Räume, in denen wir neugierig bleiben.
In denen wir Fragen stellen, bevor wir urteilen.
In denen wir nach Lösungen suchen, statt unsere Zugehörigkeit zu einem Lager zu demonstrieren.
Denn am Ende beginnt Frieden nicht erst mit einem unterschriebenen Vertrag.
Er beginnt auch mit unserer Fähigkeit, den anderen Menschen wieder als Menschen wahrzunehmen.
Nicht jede Meinungsverschiedenheit muss überwunden werden. Aber sie sollte uns nicht daran hindern, einander zuzuhören.
Vielleicht wäre das ein Anfang.

Wissenschaftlicher Hintergrund und weiterführende Literatur
Jost, J. T., Baldassarri, D. S. & Druckman, J. N. (2022): Cognitive–motivational mechanisms of political polarization in social-communicative contexts. Nature Reviews Psychology, 1, 560–576.
Ecker, U. K. H. et al. (2022): The psychological drivers of misinformation belief and its resistance to correction. Nature Reviews Psychology, 1, 13–29.
Klein, Melanie (1946): Notes on Some Schizoid Mechanisms. International Journal of Psycho-Analysis, 27, 99–110.
Bion, Wilfred R. (1961): Experiences in Groups and Other Papers. Tavistock Publications.
Fonagy, Peter, Gergely, György, Jurist, Elliot L. & Target, Mary (2002): Affect Regulation, Mentalization, and the Development of the Self. Other Press.
Hinweis: Der Beitrag verbindet wissenschaftliche Befunde zur politischen Polarisierung mit psychoanalytischen Erklärungsansätzen und persönlichen Beobachtungen. Die Anwendung psychoanalytischer Konzepte auf gesellschaftliche Debatten ist eine Interpretation und keine klinische Beurteilung einzelner Personen oder politischer Gruppen.





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